21. 4. 2022
Da kam jemand und wollte mein Womo sofort haben. Ich ergriff die Gelegenheit und gab es wirklich ab. Jetzt bin ich ohne Wohnmobil und ohne Stellplatz. Das Ganze ist noch surreal und schwankt bei mir zwischen glücklicher Befreiung und ungläubigem Schmerz.
Die letzten 23 1/2 Jahre hatte ich stets diesen fahrbaren Untersatz und mit ihm die Möglichkeit, jederzeit schöne Orte aufzusuchen und dort zu bleiben. Wenn ich nicht wieder schwach werde, ist das nun Geschichte.

Bart und lange Haare sind auch ab. Das Ganze ist jedoch keine Persönlichkeitsveränderung – weder das Sein ohne Womo noch die Änderung der eigenen äußeren Hülle. Beides ist wie mein mühsames Abnehmen seit einem knappen Jahr aber durchaus der Versuch, mich selbst noch einmal wirklich verändernd zu bewegen.

- Wenn ich ohne Womo bleibe, dann bin ich ortsgebundener und verorte mich fester in Mönchengladbach.
- Wenn ich weiter abnehme, festige ich damit das Bestreben, nicht mehr so maßlos zu genießen, sondern bewusster auszuwählen und mir klarer Grenzen darin zu setzen, was und wieviel ich mir genehmige.
Doch wird mir das gelingen und will ich das wirklich? Ich befinde mich noch in ungläubiger Schockstarre, mit der ich mein Schicksal in neue Bahnen lenken kann. Mache ich davon wirklich Gebrauch? Immerhin ist das unverhoffte Auftauchen eines entschlossenen Käufers auch eine Art ‚Wink des Schicksals‘, den ich annehmen kann oder aber auch nicht – falls ich dann doch wieder einen ‚Urlaubsdampfer‘ zulegen würde wie vor sieben Jahren.

Ich sehe mich noch nicht in der Zielgeraden meines Lebens, das mit echtem Alter und stärkeren Einschränkungen als bisher meine äußeren Kreise einschränkt. Noch bin ich ein aktiver Radfahrer und auch an Umgebung sowie Leben interessiert. Ich schöpfe noch nicht vorwiegend aus meinen Erinnerungen – auch wenn das durchaus schon zunimmt.

An obigem, alten Bild gefällt mir ein gewisser, kritischer Ernst, mit dem ich hier in die Kamera schaue – anstatt zu lächeln oder ein Gesicht zu ‚machen‘.
Als ich diese Website vor 6 1/2 Jahren begann und mich als Umweltschützer bekannte, der mit Freuden den Scherbenhaufen einer ungesunden, kapitalistischen Lebensweise zusammenkehrt – war ich noch optimistischer und forscher in meiner Selbstsicht als heute. Inzwischen sehe ich meine Möglichkeiten bescheidener und sehe mich mich selbst verkleinernd.
Ich nehme mir (hoffentlich) nicht mehr so viele Möglichkeiten und Optionen als alltägliche Möglichkeiten für mich selbst. Binde ich mich vielleicht stärker in das Leben meiner Nächsten ein?


Es könnte jetzt sein, dass ich wieder wie im Traum schwebe, wie es ‚mein‘ norwegischer Künstler in einem Gemälde ausdrückte, das mich nach meiner Unfallzeit begleitete:

In diesem Bild sah ich mich damals selbst in einem neuen Leben – auch wenn ich das meine in der alten Hülle und in meinen bisherigen Bezügen weiter zu gestalten hatte. Heute könnte wieder durch den Wegfall der Womo-Option etwas ziemlich Neues entstehen – wenn ich das wirklich annehme und zu gestalten beginne.
Da bin ich dann weder stark noch ein lächelnder Sieger, der weiß, wie er sich die Welt untertan macht. Doch da ist eine Lücke, die es zu füllen gilt und die gar nicht so klein ist, obwohl ich zuletzt recht wenig Gebrauch von den mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten gemacht hatte.


Bin ich bereit, diese Multi-Optionalität für mich einzuschränken und einfacheres Leben zu beginnen und zu gestalten? Das wäre die Herausforderung, wenn ich mich darauf einlassen kann und will.

Es geht mir noch recht gut – körperlich, materiell und auch durch die familiären Beziehungen. Ich habe also noch viele Möglichkeiten und bin nicht besonders eingeschränkt.
Mit dem Wohnmobil gebe ich einen Teil meiner Möglichkeiten auf – allerdings auch eine Reihe damit verbundener Verpflichtungen, die mir aber nicht besonders weh getan haben. Darum empfinde ich den Verlust stärker als noch den Gewinn.

Dieses Foto ist gut 10 Jahre alt und entstand auf einem Solo-Trip mit dem Rad durch das norwegische Fjell auf einer Sandpisten-Nebenstrecke. Sie symbolisiert in hohem Maße den Reichtum, den das Womo mir trotz aller Zumutungen ermöglichte.
Hier muss auch gesagt werden, dass ein privates Wohnmobil nicht sehr viel anders ist als die zeitlich befristete Miete eines Flugzeugplatzes für den Hotelurlaub in ferne gelegenen Gegenden…

Alle diese tollen Dinge in Norwegen in ‚meinem‘ Plätscherplatz bzw. seiner Umgebung: Habe ich das wirklich aufgegeben und kann es niemals wieder sehen? Das alles hatte mir in gewisser Weise ‚gehört‘ und ich konnte nicht nur immer wieder dorthin, sondern mich darin auch frei bewegen. Das war für mich eine große und irgendwie auch wesentliche Sache gewesen – ein Reichtum an Farben und eine tolle Landschaft.
Das war alles abseits von meinem Mönchengladbacher Alltag gewesen und eine großartige Parallelwelt.

Auch dieses Norwegen veränderte sich stark und war alles andere als ideal. Doch es war immer wieder hoch attraktiv – auch als keiner aus der Familie mehr mit mir dorthin reisen wollte.
Was ich dort suchte, war nicht das Leben eines gewöhnlichen Touristen mit Herumreisen, Shoppen und Sightseeing. Es war die Landschaft, das Bewegen darin und die Einsamkeit. Es störte mich nicht besonders, in der Regel ganz auf mich gestellt gewesen zu sein und auch den besonderen Gefahren eines Radfahrers auf einer Landstraße mit LKW-Verkehr ausgesetzt gewesen zu sein.

Trotz alledem war Norwegen für mich auch eine Art Kinderwelt: Ich verfügte über die Mittel, dort gut zurecht zu kommen, obwohl ich dort fremd war. Ich lebte dort ‚wild‘ auf meine Weise und fügte mich nur in absolut notwendigem Maße in das soziale Geschehen dort ein. Menschen benötigte ich vorwiegend als Versorger oder als Betrachtungsobjekte.










…und trotz allem: Es kam keine drei Wochen später ganz anders…