0.102 Eine neue Geschichte meines Lebens

In Anlehnung an Graeber und Wengrow spüre ich Lust, meine eigene Geschichte neu zu schreiben. Das ist ausdrücklich ein Spiel und nicht mit der Absicht verbunden, das Ergebnis entspreche dann besser der Wahrheit als meine bisherige Sicht.

Dass ich in meinem Leben schön früh besondere Arrangements hatte, ist kein Novum. Ich hatte lieber Narrenfreiheit als mir von anderen ständig hereinreden zu lassen. Ich erlebte andere als nicht ausreichend kompetent für meine Angelegenheiten.
Das führt mich unmittelbar zu dem von beiden Autoren vorgestellten Freiheitsbegriff:

  • 1. kann ein freier Mensch den Ort wechseln.
  • 2. muss er keine Befehle befolgen.
  • 3. kann er seine sozialen Gefüge neu ordnen / gestalten.
(ich September 2022 in Norwegen)

Meine Narrenfreiheit ermöglichte mir das in gewisser Weise. Ich wurde nicht ernst genommen, aber ich konnte weitgehend tun, was ich für nötig hielt. Ich baute mich nicht als Gegner auf. Ich war für das Gemeinschaftsleben als Zuschauer vorhanden, aber meine Angelegenheiten waren alleine meine Sache, auch wenn ich das selten offen vertrat.

(späte Glockenblume, für die ich steil hinabstieg)

Für mich war klar, dass ich meine Freiheiten im Verborgenen entwickeln musste. So war am Ehesten gewährleistet, dass überstarke Eltern und gesellschaftliche Vertreter sich mir nicht in den Weg stellen würden.
Kinder machten keine Machtmittel gegen mich geltend, weshalb sie für mich die besseren Menschen waren- allen Ernstes habe Ich so gedacht.

(so genannte Autoritäten waren für mich wie eine riesige Wand: Mit Ihnen ließ sich nicht offen reden)

Auch mit meiner Frau kam ich nicht in ein offenes Gespräch. Im Zeifelsfall sah ich mich dominiert. Doch auch hier rebellierte ich nicht, sondern griff auf meine alte Taktik zurück: Meine eigenen Sachen regelte ich nach eigenem Gutdünken.
Womit ich bisher nicht ganz klar kam, war mein längeres Ausbrechen aus dem Familienrahmen, das vor ihrem Ausbruch in eine neue Beziehung lag.

(etwas von außen betrachten und darin mehr Zuschauer als Akteur sein)

Jedenfalls habe ich die Gelegenheit zu längeren Fahrten für die Unfallregelung genossen, da sie mir Freiheit von Vorwürfen wegen mangelnden Familien-Einsatzes gaben. Cornelia sah mich dafür zusehends als Kind an. Sie sah sich umso mehr als alleiniges Familienoberhaupt an, das für alles alleine sorgen müsste und auch könnte.

Wie auch immer führte das Konstrukt in eine neue Beziehung für sie. Ich könnte gehen wenn ich wollte, war ihre Diktion.
Meine Freiheit bestand im vorübergehenden Wechsel des Ortes – Connys im Ändern ihrer Beziehungen.

Abgesehen von dem äußeren Bleiben des Familienverbandes hatte ich dennoch zu verkraften, für meine Frau ziemlich bedeutungslos geworden zu sein. Als Gegengewicht schuf ich die Tischtennisgruppe aus eigenen Schülern, die nun meine Bezugspersonen waren und mir neuen Sinn verliehen. Über die Löchrigkeit dieses Konstruktes war ich mir wohl bewusst – war ich doch für die Jungen nicht mehr als der interessante Mann mit dem Schlüssel zur Halle und für manche auch zu weiteren Möglichkeiten.

Wir kamen zwar langsam wieder mehr zusammen, aber Rudi blieb ihre wesentliche Bezugsperson. So blieb es mir vorbehalten, meine Freiheiten von ihr auch weiterhin zu kultivieren, was mir auch irgendwie entgegen kam.
Wohnmobil und Norwegenfahrten wurden meins, auch wenn Conny davon selbst Gebrauch machte.
Der Gebrauch dieser Freiheit verlangte aber vier anstrengende Tage im Auto und wochenlange Trennung von allen anderen der Familie, was mir durchweg auch schwer fiel.

Kontakte gab es dann immer, aber eben auf weite Entfernung.
Für mich war das aber auch immer eine Gelegenheit, Lebensalternativen kennen zu lernen und sie auszuprobieren.
Umweltbewusstsein und auch Veganismus z. B. gehörten dazu.
Für Wandern, Radfahren und sparsame Lebensweise bot mir das Leben im Wohnmobil gute Möglichkeiten.

Das Thema Gewalt spielte bei uns kaum eine Rolle. Conny konnte auf eine gute verbale Ausbildung bauen – auch ich hatte direkte Gewaltanwendung als unbrauchbar kennen gelernt.
Nun – was immer auch ich schreibe – es ist immer nur meine Geschichte. Conny würde eine andere erzählen.
Immerhin: Da Gewaltanwendung bei uns nicht mehr als absolute Ausnahme war, waren unsere Abstoßungskräfte nicht stark genug für eine Trennung gewesen.
Bei Carmen und Max ist das etwas anderes. Doch um sie geht es hier nicht.

(drei Blüten, drei Kinder…)

Ich sehe schon – hier entsteht keine neue Geschichte. Warum nicht? Zwar gibt es sicher zwei Narrative, aber es herrscht keines davon vor.
Das ist entscheidend. Es besteht insofern kein Bedarf, eine neue Geschichte zu schreiben.
Hier bestehen zwei Sichtweisen nebeneinander und kämpfen auch nicht um eine Vorherrschaft. Jeder behält seine Sichtweise und seine Würde.

(Conny reparierte jüngst meine in Norwegen schwer ramponierten Sachen)

Das Thema Gewalt – für die Autoren neben der Freiheit zweiter Bereich – stellte die häusliche Gewaltanwendung in direkten Bezug zu politischer. Drei Bereiche fanden sie zu unterscheiden:

  • Die unmittelbare Gewaltanwendung
  • die Verwaltung
  • das Charisma

Freiheit hat sich in diesen Bereichen zu bewähren oder hat bei zu umfassender Organisation dazu keine Möglichkeit des Ausweichens.
Wer den Ort wechseln kann, kann willkürlicher Gewalt entkommen. Das Gleiche gilt für als ungerecht empfundene Besteuerung. Im Privaten wie auch im Öffentlichen wären dazu auch Aufgaben zu sehen, die jemand im jeweiligen Umfeld zu erledigen haben soll. Charisma macht interessant und lässt die Sicht seines Trägers eher als richtig erscheinen als die andere eines ‚Gewöhnlichen‘. Das wirkt sowohl privat als auch politisch.

(Landschaft und Mond sprechen hier für sich selbst…)