1.9 Fahrrad statt Auto – ein Projekt-Überblick nach 11 Jahren

21. 9. 2018

Seit 11 Jahren läuft nun mein Projekt ‚Fahrrad statt Auto‘. Es ist der ernsthafte Versuch, im Alltag möglichst ganz auf das Auto zu verzichten und meine Wege zu Fuß, mit dem Rad und im Verbund mit der Bahn zurückzulegen.

(das Koga-Citybike, mit dem ich das Projekt Fahrrad statt Auto am 19. 5. 2007 startete.)

Mein erstes Rad nach 1999, in dem ich mir ein Treckingrad mit Stahlrahmen und 24 Gängen zugelegt hatte, das aber jahrelang dann kaum noch genutzt wurde wie bei den meisten durchschnittlichen Fahrradbesitzern, war ein Koga Citybike mit 8-Gang Nabenschaltung. Ab Mai 2007 legte ich mit dem ‚alten‘ Cresta-Rad 3.000 km zurück – mit dem Koga-Bike im Laufe von 14 Monaten 13.000 km. Ich meisterte damit auch die hohen Berge in Norwegen – lernte jedoch bald, dass eine bessere Abstufung im Gebirge für Mensch und Fahrrad vorteilhaft ist.

(das zweite: ein Intercontinental MTB von Riese und Müller)

Der Nachfolger wurde im August 2008 folgerichtig ein voll gefedertes MTB, das als ‚Leib-und-Magen-Fahrrad‘ über 30.000 km mit mir zurücklegte. Dieses Rad erfüllte eigentlich alle meine wesentlichen Erwartungen: Es war sehr solide, überfuhr problemlos auch Baumwurzeln, die aus Radwegen heraus wachsen, war voll hochgebirgstauglich und ebenso winterfest. Außerdem zog es mehrere tausende von Kilometern einen Einrad-Anhänger für Lastentransporte. Eigentlich erfüllte es alle meine wesentlichen Erwartungen – hätte es da nicht noch das Verlangen und die Möglichkeiten für ‚mehr‘ gegeben.

(das Dritte: Dieses ‚Mehr‘ war ein schnelles Pedelec, das mit und ohne E-Antrieb gut zu fahren war: der X-Flyer)

Im Mai 2011 war es so weit: Ich erwarb ein motorisiertes MTB mit Rohloff-Schaltung. Zwar fuhr ich es auch zur Hälfte ohne E-Antrieb, doch es gab eben die ungeheure Zusatzkraft von bis zu 250 Watt, mit denen ich auf Wunsch auch jenseits der 30 km/h beschleunigen konnte. Doch diese Kraft schafft ganz neue Probleme auf Radwegen und im Straßenverkehr. Auch der enorme Fahrtwind setzt dem eigenen Körper zu. So sorgte das erspürte größere Verkehrsrisiko und auch die erhöhte Belastung des Organismus durch Wind und Kälte in Kombination mit dem hohen Leergewicht von 27,5 kg mit Akku dafür, dass ich trotz aller Solidität und toller Technik mit diesem Rad nie so richtig warm wurde. Im Sommer 2014 verkaufte ich es wieder nach ’nur‘ mehr als 9.000 km Fahrleistung. Eine wirklich interessante Erfahrung – aber im Grunde doch ein Fehlkauf.

(das Vierte: ein Klapprad mit winzigen 18-Zoll-Rädern – ein Birdy von Riese und Müller)

Der Nachfolger scharrte nur vier Monate nach dem Kauf des Flyer per Zufall mit den Hufen – dieser oben abgebildete Winzling, aber mit erlesener Technik. Hier waren ganze 14 Kilo zu bewältigen, die zudem noch höchst wendig und erstaunlich flott zu bewegen waren – trotz der kleinen Laufräder. Ich spendierte dem Rad einen Supernova Dynamo-Frontscheinwerfer und ein gutes Batterie-Rücklicht.  Ein ordentlich belastbarer Gepäckträger war schon da – nur konnte ich hier nicht mehr meine bisherigen großen Ortlieb-Taschen anbringen. Also gab es kleinere neue. Eine einfache Vollfederung ist dem Birdy ab Werk mitgegeben; für lästige Fahrbahnschäden und Bordsteinübergänge vereinfachte ich mir die Bewältigung durch das Montieren von dickeren Pneus Schwalbe Big Apple. Fertig war ein vollständig hochgebirgstaugliches Mini-Fahrrad, das ich zudem noch falten und im Auto-Innenraum transportieren und lagern konnte – Diebstahl- und Wetterschutz inklusive.

Eine bemerkenswerte Randnote an dieser Stelle: Diesem Rad gebührt noch ein weiteres ‚Verdienst‘: Mit ihm schaffte ich während einer veganen Phase bei nur 85 kg Körpergewicht im Herbst 2013 Hochgebirgstouren mit 17,50 km/h Dauerdurchschnitt trotz kanger, steiler Anstiege. Das habe ich später nie wieder geschafft. Selbst mit dem X-Flyer war ich in 2011 in Norwegen nicht schneller gewesen! Gute körperliche, seelische und geistige Fitness bewegen im echten Wortsinn offensichtlich mindestens ebsnso viel wie teure, künstliche elektrische Antriebstechnik. Diese Erfahrung bleibt für alle Zukunft und ruft ganz leise nach Wiederholung in irgendeiner Weise 😉

(das Birdy gefaltet für Transport und Lagerung – rasch klein gemacht und Platz sparend unterzubringen)

Dieses Rad wurde auf Anhieb mein ‚Leib-und-Magen-Rad‘ Nummer Zwei. Es stach auch ab sofort mein Intercontinental MTB klar aus. Ich fuhr es 22.500 km, bis im Frühjahr 2015 der Rahmen komplett aufgab und ausgetauscht werden musste. So bekam das Rad noch ein ungeplantes Facelift, weil die alte Rahmenform nicht mehr lieferbar war. Bis heute habe ich mit dem Birdy knapp 25.000 km zurückgelegt.

(mit neuem Rahmen: das Birdy seit März 2015)

Für eine Aufgabe war aber auch dieses kleine, wendige Rad nicht ausreichend geeignet: Für den Sport benötigte ich ein noch kleineres Faltrad, um es mit in Umkleide und Halle nehmen zu können, ohne damit zu stören oder andere zu gefährden. So benötigte ich noch eine Ergänzung zum Birdy.

(das Fünfte: winzig, handlich und dennoch stabil und ein vollwertiges Alltagsrad ohne Hochgebirgs-Ambitionen: das Brompton)

Die Lösung war bei kleinstem Packmaß, aber großer Stabilität des Rahmens das englische Brompton in der Ausgabe mit 6 Gängen – ausreichend für alle städtischen Steigungen. Mit ihm erledige ich seit Februar 2014 mein Sporttraining und Wettkämpfe autofrei. Dazu kommen noch kombinierte Fahrten mit der Bahn, womit ich auch weiter entfernte Ziele rasch und mit wenig Aufwand und Kosten erreichen konnte – z. B. auch dem Besuch von öko-sozial motivierten Demonstrationen. Das Rad hat sehr helles Dynamolicht vorne und hinten. Eine fest am Rahmen einzuklickende große Packtasche nimmt mehr als 20 Liter Gepäck auf. Zwar fahre ich ’nur etwa 750 km jährlich mit diesem Rad, aber dafür oft und regelmäßig. Bis heute sind das knapp 3.500 km und ein Ende ist nicht in Sicht. Die Technuk ist solide, der Pannenschutz ordentlich Es gab bis heute zwei Platte; einmal waren beide Reifen zu ersetzen und der Antriebsstrang.

Eigentlich sollte man meinen, sei meine Ausstattung nun vollständig gewesen…

Wie es dann doch noch zu einem neuen Rad kam? Mein Gewicht hatte stetig zugelegt und ich bekam es nicht wieder herunter. Das führte das Birdy, das für 110 kg Systemgewicht zugelassen ist, deutlich spürbar an und über seine Grenzen. Ich wollte es aber auch nicht einfach kaputtfahren. Klein und handlich sollte das Rad sein, wie immer hochgebirgstauglich und vor allem bis 130 kg belastbar.

(das Sechste: Ein I:SY von Hartje mit 20 Zoll-Rädern, stabilem Rahmen und 30 Gängen im Neuzustand.)

Das Problem wurde mit einem Kompaktrad gelöst – jetzt mit noch dickeren Big Apple-Reifen, zwar nicht mehr faltbar, dafür aber mit einem Speedlifter an der Lenksäule flach zu legen und mit Lenker längs zur Fahrtrichung schwenkbar. Das Sattelrohr war per Schnellspanner voll einfahrbar. Außerdem bekam es abnehmbare Pedale, wodurch es für den Transport ebenfalls recht platzsparend umzubauen ging – in wenigen Sekunden. Gute Beleuchtung war auch hier Pflicht und das Rad hatte für mein hohes Gewicht Scheibenbremsen.

Da es mit dem Gewicht weiterhin nicht bergab ging, veränderte ich die ungefederte Grundkonstruktion: Ich bestellte eine Federgabel anstatt der Starrgabel und montierte auch eine hochwertige Sattelfederung. Dennoch blieb dieses Rad nur eine Zwischenlösung: Sein Gewicht hatte durch den Zusatzkomfort wieder auf knapp 18 kg zugenommen. Die Wendigkeit und Transportierbarkeit hatte dadurch spürbar gelitten. Ein fast 110 kg schwerer, 65 Jahre alter Organismus schleppt nicht mehr so gerne schwere Lasten.

Ich machte mich also nach etwas über 3.000 km mit dem I:SY wieder auf die Suche. Mein gesamtes Projekt ‚Fahrrad statt Auto‘ war in Gefahr zu scheitern, wie auch die geringe Laufleistung des I:SY (für meine Verhältnisse) in einem Jahr zeigt.Doch was sollte es nun werden? Einerseits wollte ich mehr Leistung und die war nur elektrisch zu haben. Andererseits wollte ich aber auch weniger Gewicht, was bei einem Durchschnittsgewicht ordentlicher Pedelecs von 25 kg ein praktisch unlösbarer Widerspruch war. Selbst in faltbarer Form war unter 20 kg nichts Vernünftiges zu haben und schied damit klar aus.

Es begann mit dem Entdecken des Vivax-Antriebes, der einem Rad nachrüstbar ist und nur 2,25 kg Mehrgewicht verursacht – gegenüber 5-6 kg Plus bei einem üblichen guten Pedelec. Doch in das I:SY war er leider nicht montierbar – ebenso nicht in das durch mich ohnehin überlastete Birdy. Also doch etwas ganz Neues! In der Fahrradschmiede RaceExtract in Offenburg fand ich mit Jörg Scheiderbauer einen kompetenten Partner, wenn es darum ging, Gewicht an einem Rad einzusparen – ohne dass dabei die Belastbarkeit aller tragenden Teile unter 130 kg gehen würde. Seine im Netz angebotenen MTB’s wogen ohne Pedale und alltagsrelevante Anbauten um die 12 kg. Da musste es doch etwas zu machen geben, dass am Ende ein Elektrorad mit 14 kg Leergewicht herauskommen würde!

Hochwertige Komponenten leichter Laufräder, Federgabel sowie Bremsanlage und Schaltung ermöglichten mit Mehrkosten um 800 ,- € eine Gewichtseinsparung um ein kg. Das Weglassen von Schläuchen zugunsten von Dichtmilch in den Reifenkammern ersparte weitere 400 g. Das von mir erträumte Rad nahm langsam Gestalt an, wenn es auch im ersten Versuch noch nicht ganz das erhoffte Ergebnis brachte.

(das Siebte: RaceExtract-Leicht-E-MTB in seiner Urform unmittelbar nach der Übernahme auf Jungfernfahrt an der Nordseeküste)

Auf immerhin 16,5 kg hatte sich das Gewicht des voll ausgerüsteten MTB mit elektrischem Zusatzantrieb drücken lassen. Dafür hatte es alles, was zur vollen Alltagstauglichkeit eines guten Rades gehört: Seitenständer, Pedale (deren Gewicht in den Artikelbeschreibungen unsinnigerweise immer herausgerechnet wird), Schutzbleche, Gepäckträger, Akkulicht vorne und hinten, zwei Klingeln, Rückspiegel und einen Tacho und nicht zuletzt ein stabiles Schloss zum Anketten. Das waren somit etwa 10 kg Gewichtseinsparung gegenüber ebenso vollständig ausgerüsteten MTB-Pedelecs. Gleich vorweg: Es war mir immer noch zuviel Gewicht. Doch das schien vorerst unlösbar – es sei denn, ich ließ schwerere Komponenten wie Gepäckträger, Schloss und Motorakku demontiert. Damit ließen sich tatsächlich 2.850 Gramm einsparen. Es war dann ein gewöhnliches MTB ohne E-Antrieb mit 13,65 kg Gewicht – so wie ich mir das eigentlich für das Gesamtsystem gewünscht hatte.

Meist fuhr ich ohne E-Antrieb; das Rad lief auch so erstklassig. Ein Rucksack auf dem Rücken nahm auch Tourgepäck oder kleinere Einkäufe auf, so dass Satteltaschen und Gepäckträger meist ungenutzt blieben. Das war also noch nicht ganz die Lösung. Die folgte in zwei Etappen: Zuerst ließ ich mir einen leichteren Motorakku bauen, der gleichzeitig auch den starken Frontscheinwerfer mit versorgen konnte (Einsparung 600 g), zweitens ein knappes Jahr später, als ich zu viel leichteren Reifen und sehr leichten Schläuchen statt Dichtmilch wiederum in Offenburg kam – außerdem zu einem extrem leichten Schloss für die kurzzeitige Sicherung des Rades beim Abstellen – gefunden im Internet. Für einen moderaten Aufpreis gelang dann endlich das Traumergebnis von unter 14 kg Gesamtgewicht mit kleinem Motorakku, ohne Gepäckträger, mit Leichtreifen und Leichtschläuchen sowie mit dem Ultra-Leichtschloss von nur 20g Gewicht – mit allen anderen alltagsrelevanten Anbauteilen am Rad.

Neben der Gewichtsersparnis sorgt geringere Reifenbreite in Verbindung mit hohem Luftdruck auch noch für ein deutlich verbessertes Rollverhalten – noch einmal verbessert durch Blockierung der Federgabel, Doch das lohnt sich und ich komme gut ohne den Komfort aus. Dabei hilft auch mein um mehr als 15 kg reduziertes Körpergewicht.

‚Fahrrad statt Auto‘ geht nach 7.500 km mit dem RaceExtract in einem guten Jahr Nutzung voll weiter! Bis heute sind das mit den hier beschriebenen Rädern insgesamt deutlich über 94.000 Gesamtkilometer, so dass ich nächstes Jahr möglicherweise das sicher nicht so oft vorkommende Jubiläum von 100.000 Fahrradkilometern in 12 Jahren feiern könnte.

(das endlich leicht gewordene Elektrorad mit 14 kg – unterwegs in Ostfriesland auch auf holprigen Strecken – jetzt sogar problemlos ohne Federungskomfort)