1.1. Von der Auto-Abhängigkeit zum Nicht-Auto-Fuchs – Eine schwierige, aber lohnende Verwandlung

1. Von der Auto-Abhängigkeit zum Nicht-Auto-Fuchs - Eine Verwandlung der besonders schwierigen Art

Dem Auto seinen absoluten Vorrang nehmen – eine der spannenden Herausforderungen dieser Zeit

Das Auto ist DAS Alltagsgefährt, Kultgegenstand, Statussymbol, Ausdruck von Lifestyle, Motor der Wirtschaft und gleichzeitig Lärmquelle, Stadtverstopfer, Luftverpester, Gefahrenquelle und Besetzer der uns umgebenden Landschaft.

Es löst Mobilitätsaufgaben, aber schafft auch erhebliche Probleme.

In Zeiten wirtschaftlicher Krisen und nachlassender Einkommen wird es zunehmend unwirtschaftlicher, ein Auto zu unterhalten.

Doch wie kommt man los von der Abhängigkeit, die uns so hartnäckig am Auto festhalten lässt?

Dieser Beitrag stammt nicht von einem Auto-Hasser: Der Verfasser hat mit einem solchen schon gut eine Dreiviertelmillion Kilometer zurückgelegt. Er war nicht nur ausgesprochen autoverliebt wie unzählige seiner Mitmenschen, sondern er besitzt auch heute noch eines – doch der Besitzerstolz ist ihm abhanden gekommen. Nur noch an etwa 20 Tagen im Jahr wird es genutzt.

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 23. 11. 2012

Egal ob im Gespräch mit Vertrauten oder Fremden:
Sie sehen die Verbindung zwischen ‚modernem‘ Menschen und dem Auto im Alltag wie etwas geradezu Gesetzmäßiges und Unabwendbares an.

‚Ohne‘ unterwegs? einfach undenkbar – total unmöglich!

Wie kommt man dazu, die Abhängigkeit von ihm als echtes, ernsthaftes Problem zu sehen und sich von dieser ‚heiligen Kuh‘ zu lösen?
Kann das überhaupt ‚richtig‘ funktionieren?
Wie kann es gelingen, diese Abhängigkeit zu lockern und mehr und mehr abzulegen?

Mir als inzwischenseit Jahren leidenschaftlichem Fahrrad- statt Autofahrer sind solche tief zweifelnden Fragen aus eigener Erfahrung noch gut nachvollziehbar, aber inzwischen auch ein Stück befremdlich geworden.
Von dem Weg vom Zweifeln bis zu einer positiven Gewissheit, dass es nicht nur klappt, sondern auch im Langzeitbereich echten Zusatznutzen bringt, handelt dieser erste von insgesamt vier Artikeln (1., 2a., 2b., 2c.) – aber keine Sorge: Ich wurde nicht zum Autohasser und ich habe auch nicht vor, jemandem dieses zweifelsohne faszinierende Verkehrsmittel zu vermiesen oder es zu verteufeln.

Ich bin mir sicher, dass sich neben mir viele andere Mitmenschen ähnliche Fragen stellen und nach dem Mut zu einer echten Änderung suchen – neben dem geistig-kulturellen Mainstream, der die heutige automobile Mobilität als ‚alternativlos‘ betrachtet.

Genau das will ich hier:
auf eine ziemlich vollwertige Alternative verweisen, die wie das Auto auf seine Art und Weise ebenfalls eine Art ‚Eier legende Wollmilchsau‘ darstellen kann – das Fahrrad.

Es geht (im Gegensatz zu Artikel 3., der einen Überblick gibt) hier mehr ins Detail:

– Wie kommt jemand überhaupt auf so einen scheinbar widersinnigen Gedanken, tausende Fahrkilometer
mit dem Rad statt mit Auto, Bus oder Bahn zurückzulegen?
– Welche Erfahrungen liegen davor, die solche Kräfte freisetzen, ein solch aufwändiges Projekt mit
unsicherem Ausgang zu starten?
– Welche Hindernisse gilt es zu bewältigen und auf welche Weise hat es wirklich Erfolg?
– Welche Kosten treten (ungeschönt!) auf?

Es gab und es gibt viele Fragen zu stellen und nach tragfähigen Antworten zu suchen. Dieses Kapitel macht den Start und wagt auch einige Rückblicke in die eigene frühe Vergangenheit.

Wir sind auf das Auto hin sozialisiert worden und darum für das Fahrrad nicht wirklich vorbereitet. Ihm fehlt die Aura der Unverletzlichkeit und der eigenen Macht, mit der das Auto bei jedermann punkten kann. Darum ist ein Umstieg sowohl ein persönliches als auch ein soziales Problem. Man schert irgendwie aus den Reihen der Normalität aus, wann immer man damit Ernst macht, die Symbiose mit dem Auto in vielfältigen Alltagssituationen aufzulösen.

Von einer solchen Loslösung berichte ich hier aus eigener Erfahrung. Sie gehört durchaus zu den spannenderen Projekten meines Lebens.

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(unmittelbare Begegnung mit einem mich beobachtenden Fuchs im norwegischen Hochgebirge – ich bin unterwegs als Radfahrer – so etwas bleibt jedem Autofahrer versagt)

Nicht etwa vorwiegend wirtschaftliche eigene Probleme stießen dieses Thema an,
sondern eine Mischung aus

– alten negativen Erfahrungen mit dem ‚Lieblingskind‘ von uns Deutschen,
– verletztem Besitzerstolz ob galoppierender Treibstoffpreise,
– nachlassender Besitzerstolz wegen des stark zunehmenden Kostenanteils am monatlichen Einkommen
– zunehmenden Erschwerungen der Autonutzung in Innenstadtbereichen
– ‚gewaltiger Verbrauch‘ von Naturflächen für bzw. deren Entwertung durch den massenhaften motorisierten Straßenverkehr
– die nicht mehr zu leugnende Kenntnis von Destabilisierung und Korrumpierung von Gebieten, die uns reiche Industrienationen bitteschön zuverlässig mit umserem ‚Stoff‘ zu beliefern haben
– die nicht mehr zu verdrängende Kenntnis vom lebhaften Anteil dieses Alltagsfortbewegungsmittels an der Aufheizung unserer Atmosphäre und nicht zuletzt
– die zunehmende Erkenntnis, dass dieses Verkehrsmittel neben allem Komfort und Sicherheit auch ganz massive Probleme für jeden einzelnen von uns schafft:

„Wer viel will, der hat auch viel dafür zu zahlen“, so lautet eine banale Schlussfolgerung – abgeleitet aus der Volksweisheit: „Alles im Leben hat seinen Preis.“ Und vom Auto erwarten wir viel, sehr viel!
Schnelligkeit: erfordert hohe Motorleistung, kostet Gewicht und ebenso eine aufwändige Infrastruktur
Sicherheit: erfordert ein hohes Maß an technischem Aufwand und Gewicht, aber auch gute, teure Straßen
viel Zuladung: benötigt Raum und der bringt automatisch Gewicht mit sich,
Komfort: gibt es nicht ohne technischen Aufwand, Material und damit wiederum nur mit Gewicht,
Sparsamkeit: gibt es nicht bei hohem Gewicht (auch 3 Liter auf 100 Kilometer sind Abhängigkeit vom Öl und 7,5 kg Kohlendioxid, was bei 10.000 Jahreskilometern alleine durch Treibstoff 0,750 Tonnen Ausstoß bedeutet,
Zuverlässigkeit: erfordert wertige Materialien und Verarbeitung, die sich im Preis erhöhend auswirken,
geringe Kosten: das schließt sich bei all dem Aufwand an Know-How, Material und Einsatz von Kapital, Maschinen und menschlicher Arbeitskraft, auch gesellschaftlichem Aufwand schon von vorneherein aus.

Wo liegt nur der Fehler und was lässt sich da bessernd machen?

Doch vorab erst mal etwas Balsam auf unsere Autofahrerseelen:
Mit welchem Verkehrsmittel kann man schon zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei fast jedem Wetter, in einem klimatisierten und wohlbehüteten Raum bequem sitzend mal eben kurze oder auch lange Wege zu einem gewünschten Ziel zurücklegen – sicher vor Streiks im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, sicher vor unangenehmen Mitreisenden, sicher vor nicht eingehaltenen Fahrplänen und verpassten Anschlussfahrten, vielleicht auch zusammen unterwegs mit lieben Menschen, sicher vor Schweiß von eigener körperlicher Anstrengung, Nässe von ’schlechter‘ Witterung und nicht zuletzt vor Mattigkeit eines auf andere Weise im Alltag belasteten Organismus?
Die Antwort ist ganz klar: Das leistet nur das geliebte Auto, mit dem wir in unseren Breiten symbiotisch aufgewachsen sind. Als Nachkriegskind habe ich den kometenhaften Aufstieg des Autos in meiner Lebenswelt bewundernd in den 50er und 60er Jahren miterlebt. Zum ‚Wohlstand‘ (ein Zauberwort meiner Elterngeneration) gehörte das Auto ‚dazu‘ – als gleichzeitiges Symbol für Erfolg und Lebensqualität.
Selbst ein Auto zu haben, war für mich in jungen Jahren ein ganz klares ‚Must-Have‘.
Inzwischen habe ich eine 42-jährige Geschichte als Autofahrer und nur drei Jahre weniger als Autobesitzer hinter mir.
Nicht einmal ein Frontalzusammenstoß auf einer Landstraße vor 26 Jahren mit Invaliditätsfolgen für mich selbst konnte mir das Auto endgültig verleiden. Die Verbindung scheint äußerst tief im Seelischen verwurzelt – „bis dass der Tod euch scheidet?“…
Maximale Sicherheit, ordentliche Motorisierung, Platzangebot, Komfort und ein paar nette Extras durften es immer sein.
Lieber Leser, liebe Leserin! Du bist in bester Gesellschaft und brauchst keine Sorge zu haben, dass dir hier dieses geliebte Vehikel verteufelt und madig gemacht werden soll!
Es ist und bleibt ein Phänomen mit vielen erstklassigen Möglichkeiten – wären da nicht in so hohem Maße auch sehr dunkle Seiten, denen sich fast niemand entziehen kann – sei es Mensch, Tier und auch Pflanzenwelt.
Ich weiß: Du wirst vielleicht nicht unbedingt empfinden, dass die Menschheit mit dem Auto als ‚Allheilmittel‘ weit über das Ziel hinausgeschossen ist; dies ist aber mein tiefes persönliches Empfinden. Wenn du das anders siehst, dann will ich dich nicht ‚bekehren‘ und dieser Artikel ist wahrscheinlich nichts für dich. Wenn du jetzt nicht fortgeklickt hast, dann zweifelst auch du zumindest ein bisschen an dem ‚Flaggschiff‘ unserer individuellen Mobilität.

Ich spüre selbst heute noch die eigene tiefe Abhängigkeit vom Auto, die mich bis heute ein eigenes halten und auf sehr spezielle Weise nutzen lässt – auch wenn es den weitaus größten Teil des Jahres nur herumsteht.

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(böses Ende einer Urlaubsfahrt 1986 mit bleibenden Folgen für den Fahrer, aber mit vollständig unverletzter Familie dank Glück, Sicherheitstechnik und dem fast ausreichend stabilen Kasten um einen herum im hochbeschleunigten Straßenverkehr
– wäre für einen Radfahrer sicher ein tödlicher Zusammenstoß gewesen, aber ist das ein entscheidendes Gegenargument gegen das Radfahren? NEIN, denn das motorisierte Aquaplaning-Geschhoss hätte mich als Radfahrer am Straßenrand nicht getroffen…)

Wenn dann aber doch in den letzten Jahren alles ganz anders kam, diese enge Verbindung erhebliche Risse zeigt und auf diese Weise erheblich lockerer wurde – dann muss es da schon ganz starke Kräfte bzw. Wirkungen gegeben haben, die das verursachten und betrieben.
Vor allem aber bedurfte es einer echten, funktionierenden Alternative zum Auto.
Die habe ich mir in den vergangenen Jahren erschlossen, erprobt und aufgebaut. Sie funktioniert so effektiv, dass ich heute keines mehr hätte – wäre da nicht meine Liebe zum Hochgebirge, zu Norwegen und meine Touren dorthin. Erst wenn ich dort bin, kann ich für die Dauer des Aufenthaltes auf das Fahrrad umsteigen. Das Auto ist dann nur noch meine ‚Hütte‘ zum Übernachten.
(Bis heute habe ich mich nicht durchringen können, bei längeren Urlaubsfahrten auf die Bahn und den Bus umzusteigen: Der Urlaub kostet mit Bus und Bahn einschließlich Hütte deutlich mehr als ’nur‘ mit einem VW-Transporter, obwohl der auf 3000 Fahrkilometern (mein typischer Weg hin und zurück ins norwegische Hochland) mit 7,5 Litern auf 100 Kilometer deutlich mehr Treibstoff benötigt als ein sparsamerer Kleinwagen mit um die 4 Liter.)

In meinem Alltag zu Hause ist die Alternative ‚Fahrrad‘ inzwischen so erfolgreich geworden, dass dort in diesem Jahr weniger als 10 Betriebstage in 2012 für das eigene Auto zustande gekommen sein werden.
Wären da nicht die persönlich beliebten ziemlich fern gelegenen Ziele, die ich mit dem Auto selbst ansteuere, meine motorisierte Jahreskilometerleistung könnte verschwindend gering sein oder vollständig ausfallen. So aber halten sich Autokilometer und Fahrradkilometer bei mir immer noch die Waage.

Ich will hier einen kurzen Ausflug bis in meine frühere Kindheit machen, die ich in der Großstadt Düsseldorf verbrachte:
Als Fünfjähriger erlebte ich abends an einem nassen Dezembertag das Warten an einer belebten Straßenbahnhaltestelle, auf einer beidseitig davon mit Autos befahrenen Straße, mit lautem Kopfsteinpflaster in Düsseldorf, mit stickiger Auspuff- und Heizungsluft , die mir im Hals kratzten, als blanken Wahnsinn. „Wie kann man sich das freiwillig antun, sich an einen so gefährlichen Ort begeben, wo schon ein falscher Schritt nach links oder rechts tödlich sein kann? Wie können die Erwachsenen eine so unschöne, laute, unangenehme, gefährliche Welt als ’normal‘ empfinden und auch noch gut finden?“ Das war mir damals ein echtes Horror-Erlebnis.
War man nicht in Auto oder Straßenbahn, dann war die Stadt zu dieser Zeit einfach schrecklich für mich! In den schnell fahrenden Kisten fühlte ich mich an der Seite meiner Eltern allerdings wunderbar geborgen – so als bestehe keinerlei reale Gefahr bei dieser Form der Fortbewegung.
Als 8-jähriger wurde ich auf einer solchen Straße (’selbst verschuldet‘) von einem PKW angefahren, aber zu meinem Glück nur leicht verletzt.

Wie kommt man nach solchen Kindheitserfahrungen scheinbar widersinnig und doch zielstrebig in eine Autofahrer-Karriere hinein?

20 Jahre später wohnte ich als Student nur einen Steinwurf von einer Autobahn entfernt und kurz danach an einer belebten Stadtstraße mit Eisenbahnlinie hinter dem Haus. Das war Gestank und Verkehrslärm pur.
Doch zu dieser Zeit war meine Zeit als Autofahrer bereits gekommen – ich war längst selbst Teil des Problems geworden, das mir den Alltag vordergründig und hintergründig belastete. Was machte ich, um diesen Widrigkeiten immer wieder zu entkommen?
Richtig: Ich setzte mich ins Auto und fuhr dorthin, wo es schön war – ans Meer, in die Berge, in den Schnee, in die Ruhe… Naja, auf dem Weg dorthin durch Staus, Lärm, Gestank, Verkehrsgefahren und entsprechender Nervenbelastung. Sieht so etwa wirklich sinnvolle, gelingende Lebensgestaltung aus?

Wenige Jahre zuvor hatte ich als 21-jähriger mein Land noch auf andere Weise erfahren: als Rennradfahrer, der sich auf den Weg vom Niederrhein zur 600 Kilometer entfernten Nordseeinsel Amrum machte. Da Radwege vor gut 40 Jahren eher die Ausnahme als die Regel waren, durfte ich dabei am eigen Leibe erleiden, was es bedeutet, als ungeschützter Verkehrsteilnehmer neben den rasenden, staubenden, lärmenden, stinkenden und mich bedrängenden PKW und Lastwagen auf einer Straße gemeinsam unterwegs zu sein. Nur zu sehr früher und sehr später Stunde war das einigermaßen erträglich.
Die Welt war ganz klar so beschaffen: Die Straße gehörte praktisch alleine den Autofahrern und sie war eindeutig auf den motorisierten Verkehr ohne Radfahrer zugeschnitten. Als solcher benötigt man zwar auch gute und glatte Fahrbahnen, aber die musste man sich dann eben mit denen teilen, die einen in erster Linie als Verkehrshindernis erlebten und auch dementsprechend eher tendenziell rüde – zumindest aber wenig rücksichtsvoll oder einfühlsam behandelten.

Es war nur eine Frage der Zeit und des Einkommens, bis ich zum Besitzer des ersten eigenen Autos wurde. Scheinbar wie von unsichtbarer Hand gelenkt geriet ich an ein solches – etwa wie die Jungfrau an ein Kind?
Dahinter steckt wohl das langjährige Hineinwachsen in das Leben eines Mittelschichtangehörigen mit allen dazu gehörigen Erfahrungen, Erwartungen, Einflüsterungen und ‚Heilsversprechen‘.
Das eigene Lebensgefühl schien sich damit zu bessern, auch das Ansehen bei anderen, denen man mit so einem Vehikel ja auch nützlich sein konnte. Die Möglichkeit zu gemeinsamen Ausflügen war ein weiterer Vorzug davon. Mein alter VW-Bus bot zusätzlich die Möglichkeit zum Übernachten.

Das Auto wurde dann bei mir nach und nach zu dem, was es wohl für die meisten heute darstellt: zum Transportmittel für den Weg zur Arbeit, zum Einkaufen und für Wochenendfahrten bzw. Urlaubsreisen, später auch für Familie mit Kindern.
Das eigene Einkommen war immer hoch und sicher genug, um keine Probleme mit der Finanzierung dieses Lebensstils zu bekommen. Bis hier also eine ganz normale Autofahrerkarriere. Vielleicht sogar noch etwas gesteigert, denn ich blieb beim Wohnmobil, einem VW-Bus als Alltags- und Urlaubsgefährt für mich und die Familie.

Mit welchem Verkehrsmittel kann man schon zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei fast jedem Wetter, in einem klimatisierten und wohlbehüteten Raum bequem sitzend mal eben kurze oder auch lange Wege zu einem gewünschten Ziel zurücklegen – sicher vor Streiks im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, sicher vor ungemütlichen Mitreisenden, sicher vor nicht eingehaltenen Fahrplänen und verpassten Anschlussfahrten, vielleicht auch zusammen unterwegs mit lieben Menschen, sicher vor Schweiß von eigener körperlicher Anstrengung, Nässe von ’schlechter‘ Witterung und nicht zuletzt vor Mattigkeit eines auf andere Weise im Alltag belasteten Organismus?
So habe ich meine Frage etwas weiter oben formuliert.
Zunehmend bis heute frag(t)e ich erst einmal gegen den stillen gesellschaftlichen Konsens, der das Auto mit einer Aura der Unantastbarkeit umgeben hat:
Muss ich zu jeder Tages- und Nachtzeit, bei jedem Wetter, wohl behütet in einem klimatisierten, komfortablen Raum mit Hochgeschwindigkeit an fast beliebig weite Ziele unterwegs sein können? Muss ich diesen Traum, der sich inzwischen zum allgemeinen Flugwahn gemausert hat, bis ans Ende meiner Tage weiter träumen und auch noch wirklich leben?
Meine Mobilitätsfrage hatte sich in eine andere Richtung entwickelt: Da ich weiterhin in einer Großstadt lebe, deren Vorzüge ich nach wie vor durchaus zu schätzen weiß – aber eben auch unter deren Nachteilen wie Lärm, schlechter Luft wie auch den unmittelbaren Verkehrsgefahren leiden muss, suchte ich nach einfacheren und weniger aufwändigen Kompensationen dieser heute unvermeidbaren Nachteile.

Durch bleibende gesundheitliche Schädigungen, aber auch durch notwendige lange Wege, wenn ich aus dem Lärm der Stadt hinaus kommen wollte, war und bleibt mir das Wandern oder Spazieren wenig hilfreich bei der Suche nach Ruhe, Entspannung und schöner, naturnaher Umgebung.

Was also ist das Nächste oder Naheliegende, das dies einfach, mit möglichst wenig Aufwand bzw.Organisation möglich macht? Eine Abhängigkeit von lärmender Großtechnik sollte erst gar nicht in Frage kommen.
Ich probierte es Mitte der 90er Jahre mit einem der ersten Räder mit zusätzlichem Elektroantrieb, später auch mit einem flinken Elektroflitzer und war damit noch ziemlich in der Logik des automobil sozialisierten Menschen verhaftet. Der schien einfach noch nicht anders zu können, als sich mit Motoren zu seiner Fortbewegung zu umgeben.

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Es waren zunehmend die Schwächen und Tücken dieser Technik, die sie mir immer fragwürdiger erschienen ließen: Die Batterietechnik war damals noch viel schwächer entwickelt als heute (für Fahrräder ist sie heute dagegen absolut Klasse, während sie für schwerere Fahrzeuge immer noch äußerst unbefriedigend geblieben ist), die Antriebstechnik über Rollen auf den Reifen hatte einen unbefriedigenden Wirkungsgrad, für Reparaturen gab es nur wenige Fachleute und weite Wege zu ihnen hin. Bei meinem nächsten Mobilitätsversuch in 2001 mit einem flinken Elektroflitzer, einem TWIKE (bis zu 85 km/h schnell!), das gleichzeitig Elektroauto und Trainigsgerät mit Fahrradpedalen in wettersicherer Fahrerkabine (auch für einen Beifahrer geeignet) darstellte, war es vor allem die mangelhaft ausgereifte Batterietechnik, die dieses Konzept als nicht zukunftstauglich erscheinen ließ: Bereits nach 15000 statt nach angepeilten 60000 Kilometern war der 87 Kilogramm schwere Energiespeicher hinüber; sein Ersatz hätte mich etwa 9000 Euro gekostet. Vom Hersteller im Regen stehen gelassen, trennte ich mich rasch von diesem Mobilitätskonzept, von dem ich mir viel mehr versprochen hatte als vorwiegend horrende Kosten. Es mag gut aussehen und auch über ein gutes Umweltimage verfügen, aber es hat mich geblendet – wie auch das Auto kann es viele Erwartungen und Versprechen nicht wirklich einlösen. Großes Problem auch hier: das hohe Batteriegewicht und daraus folgend ein ungünstiges Gewichtsverhältnis zwischen Auto und Mensch. Alleine aus Muskelkraft fahrbar – und sei es auch nur im Notfall – völlig ausgeschlossen!

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An diesem Punkt tat sich bei mir erstmals ein ganz neuer Türspalt auf:
Wenn das Auto so viele Probleme bereitet und andere motorisierte Konzepte (Motorrad/Motorroller zu gefährlich, Elektroantrieb zu schwach bzw. nicht zuverlässig genug) nicht wirklich eine Alternative darstellen – welche Möglichkeiten habe ich, um in der eigenen Umgebung rasch genug und möglichst unabhängig von anderen Großorganisationen (z. B. enorme Fahrplanlücken im öffentlichen Personen-Nahverkehr) meinen persönlichen Bedarf an Mobilität aller Art abzudecken – möglichst zu jeder Tageszeit und auch zu jeder Jahreszeit?

Die Erinnerung an frühere Zeiten mit langen, unbequemen Radfahrten, mit schwach entwickelter Sicherheitstechnik und geringem Fahrkomfort wie auch hoher Pannenanfälligkeit motivierte mich nicht besonders, mich rasch diesem Verkehrsmittel zuzuwenden. Vom Ende des Twike bis hin zu meinem Umstieg vom Auto aufs Fahrrad als Alltagsfortbewegungsmittel vergingen noch fast vier lange Jahre der Unentschlossenheit und des Fragens.

Doch das Fahrrad bot trotz all seiner erheblichen Nachteile einen Vorteil, den kein anderes langstreckentaugliches Verkehrsmittel aufzuweisen hat:
Das Gewichtsverhältnis zwischen Fahrer (auch mit Gepäck) und seinem fahrbaren Untersatz bot als einziges die Möglichkeit, sich selbst aus eigener Körperkraft einigermaßen rasch und auch weit genug fortbewegen zu können eben ohne Hilfe durch Zusatzkraft aus einer zusätzlichen Kraftquelle:
Ist ein normaler PKW zwischen 2,5 und 30 Mal schwerer als sein zu transportierender Inhalt – welch ein übles Verhältnis von ‚Verpackung und Inhalt‘! – so wiegt ein Rad nur zwischen einem Zehntel bis zum Drittel seines Fahrers/seiner Fahrerin und dem Gepäck.
Nur das Rad bietet somit bis heute die Möglichkeit, ein Verkehrsmittel von um die 100 Kilogramm einschließlich Fahrer(in) und Zusatzlast einigermaßen bequem, deutlich schneller als zu Fuß und lastenfreundlicher, ohne die Abhängigkeit von Transportunternehmen und anfälliger wie auch teurer Motortechnik, aus eigener Muskelkraft heraus zu betreiben.

Somit war die Türe hin zu diesem Wege endgültig aufgestoßen.

Doch welches Rad? (Möglichst leicht und dennoch stabil bzw. sicher)

Wie steht es mit der Sicherheit und mit dem Unfallschutz? (starke Bremsen erforderlich, helle Beleuchtung ohne Abhängigkeit von Akkus – also von Muskelkraft mit einem Dynamo)

Was ist bei nassem Wetter oder gar im Winter bei Schnee? (passende Kleidung mit Schutz vor Nässe von außen, aber auch vor ungewolltem Schwitzen von innen her)

Wie weit komme ich in akzeptabler Zeit und mit vertretbarem Kraftaufwand? (gute eigene körperliche Verfassung gehört dazu)

Gibt es inzwischen ausreichenden Pannenschutz? (Die üblichen Scherben, Splitter, Dornen und Streu-Splitt im Winter dürfen nicht zum wesentlichen Unsicherheitsfaktor beim Fahren werden.)

Wie lassen sich Lasten möglichst sicher, wettergeschützt und möglichst auch über längere Strecken transportieren? (Wasserdichtigkeit ist ein Muss, ausreichend Stauraum und Stabilität nicht nur für kleine Einkäufe soll gegeben sein, sondern auch für 30 bis 40 Kilogramm.)

Was ist mit dem Rad mit vertretbaren Kosten machbar? (Beim Auto geht man ab 30 Cent bis weit darüber realistischer Kosten je Kilometer aus: Geht das auch beim Rad für unter 10 Cent, wenn man hochwertige Technik kauft? Hier sind noch geringe Stückzahlen bei der Fertigung ein zusätzliches Problem.)

Wie steht es mit dem Verschließ von Reifen, Bremsen, Kette und Ritzeln? Wie oft muss gewechselt werden und wie teuer wird das?

Steht mir das Rad wirklich annähernd so zuverlässig und robust im Alltag zur Seite wie ein moderner PKW?

Sind die Fahrbahnen für Radfahrer ausreichend gut und sicher entwickelt? (Das Unfallrisiko muss ausreichend kalkulierbar und auf ein Minumum beschränkbar sein!!!)

Wie lebt es sich damit, dass man nicht einfach mal einen oder mehrere ins eigene Fahrzeug laden kann, weil ich ja im Alltag nicht mehr mit dem Auto unterwegs sein will?